Eisenbahn   Deutschland   Schmalspurbahn 750 mm  Rasender Roland
Zug aus Feuer und Eis
Von Putbus nach Göhren Von Göhren nach Putbus
 
   
   
     
     
   
  Von Göhren nach Putbus  
     
 

An einem kalten Herbsttag des Jahres 1980 habe ich den " Rasenden Roland" erstmals besucht. Viel zu spät zwar, aber die Reichsbahnwelt war noch einigermaßen in Ordnung. Es war von den restlichen Schmalspurbahnen der DDR zu dieser Zeit noch die ursprünglichste und das machte sie interessant. Mehr als merkwürdige Vorgänge haben die Bahn nach 1989 immer wieder in die Negativ-Schlagzeilen gebracht. Lokomotiven verschwanden auf mysteriöse Weise, Streckenabschnitte wurden plötzlich über Nacht unbefahrbar.

Die Eigentümer wechselten öfter als die Handtücher in den Hotels entlang der Osteeküste. Undurchsichtige Machenschaften auf allen Ebenen waren an der traurigen Tagesordnung. Seit Anfang des Jahres 2008, mit der Übernahme der Betriebsführung durch die Eisenbahn-Bau- und Betriebsgesellschaft Pressnitztalbahn mbH mit ihrer Zweigniederlassung Rügensche BäderBahn - Rasender Roland scheinen diese nun überwunden.

Davon war bei einem weiteren Besuch im Sommer 1982 nicht mal im Ansatz was zu spüren. Die Reichsbahn hatte zu tun, den Beförderungsaufgaben gerecht zu werden. Und ich hatte seinerzeit zu tun, Urlaubsfrühstücksbrötchen zu besorgen. Das waren ja auch besondere und nicht immer einfache Beförderungsaufgaben in der DDR.

 
       
 

Es ist der 10.07.82. Urlaub an der Ostsee in Baabe mit dem Zelt. Ein Mittwoch. Es wird wohl ein schöner Sommertag werden. Für die Frühstücksbrötchen bin ich mit dem Rad unterwegs. Aber natürlich habe ich den Fahrplan der Schmalspurbahn im Kopf und so lege ich vorher - ganz ungeplant selbstverständlich - noch eine Kurzfototour ein. Die Brötchen habe ich freilich zuerst geholt, denn die werden später ganz bestimmt ausverkauft sein. Zunächst geht es also nach Göhren. Richtiger: Ostseebad Göhren.

 
       
 

Da steht 99 4631-0, die von Vulcan in Stettin im Jahre 1913 gebaute, D-gekuppelte (also 4-achsige) Lokomotive im schönsten Licht. Die Lok wurde 1984 durch die Deutsche Reichsbahn in den Westen verkauft und verbrachte einige Jahre als Denkmal in Lehrte und kam 2002 zum Eisenbahnmuseum Prora um endlich 2005 wieder nach Putbus zurückzukehren. Die Lok wird gerade restauriert und steht am Wasser. Das Personal sitzt beim Kaffee und lässt es laufen, das Wasser. Ich fotografiere von allen Seiten, wie man das eben damals so gemacht hat und laufe dabei mehrfach um die Lok. Sofort kommt man mit den heißblütigen Jungs von der Küste ins Gespräch...

 

 

       
 

Der Zug fuhr dann so gegen 8 Uhr wortlos ab. Ich fahre dem Zug mit dem Fahrrad hinterher, genau genommen fahre ich vornweg. Wenn man ein Foto in Philippshagen machen will und nur ein Fahrrad dabei hat, kann man auf die Ausfahrt in Göhren nicht warten, sondern muss sich sputen. Verkehr ist kaum an diesem Morgen. Die DDR-Urlauber sind froh, dass sie ein Bett an der Ostsee in einem Ferienheim oder eben einen Zeltplatz ergattert haben und nutzen die Betten möglichst lange.
Ich mache hier mal einen Sprung in die Farbfilmzeit. Juni 1990.

 
       
 

Ich hatte 1990 noch alte Diafilme, die mussten weg und kommen so neben den für uns neuen Farbnegativfilmen von Agfa und Co. zum Einsatz. Aus Gewöhnung vielleicht oder aus Mitleid mit ORWO. Es stellte sich heraus, dass das der falsche Ansatz war, denn ORWO hatte bei der Entwicklung eines neuen Farbnegativfilmes auch kein Mitleid mit mir. Der Film hatte mehr Korn als alle Weizenfelder Rügens zusammen. 

 
       
 

Mit diesem Bild fangen nicht wenige Fototouren an. Erst mal gucken, was am Zug hängt. 99 1782 wartet Ende Juni 1990 im Bahnhof Göhren auf den Abfahrauftrag. Eine der originalen Rügenloks wäre mir zwar lieber gewesen, aber an die Neubauloks war man ja nun auch gewöhnt. An das ständige Gegenlicht an dieser Stelle gewöhnt man sich nie.

 
       
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2016 habe ich ein paar Stellen wieder besucht, manche nach 34 Jahren, manche schon nach 26 Jahren. Schwarz/weiß am 21.01.2016 ? Ja, anders war dem extremen Gegenlicht nicht zu begegnen. Dann lieber ohne Farbe, die man ohnehin kaum sieht. 99 4633 wartet auf die Abfahrt um 12:53 Uhr.

 
       
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Auch bei der Ausfahrt aus Göhren hat man die Schwierigkeit mit dem Gegenlicht. 99 1782 fährt am 22.02.16 durch dieses Licht.

 
       
 

Die aus Sachsen stammende 99 1784 ist nun hier unterwegs. Ich habe den Zug bei der Ausfahrt aus Göhren im Juni 1990 aufgenommen.

 
   
     
 

Zurück nach 1982. Der nächste Haltepunkt ist das filmreife Philippshagen. Ich bin rechtzeitig dort. Allein bin ich nicht, es gibt einen Fahrgast. Das Gebäude ist die ehemalige Gaststätte Tannenheim. Im Kursbuch 1982 ist Philippshagen schon als Bedarfshaltepunkt gekennzeichnet und hatte seine ursprüngliche Bedeutung als Ladestelle für das Hinterland um Middelhagen und Kreuzungsstelle natürlich längst verloren. Das ehemalige zweite Gleis gibt es seit den 60er Jahren nicht mehr. Zum Haltepunkt gehörte eine kleine Wartehalle mit Dienstraum, die heute vom Nationalparkamt wieder restauriert 

 
 

wird. An dem Gaststättengebäude gab es zwei verschiedene Stationsschilder. Einst hatte man hier einen Film gedreht und das ausgedachte Schild Tannenheim, welches also auf den Namen der ehemaligen Gaststätte zurückging, blieb hängen. Ich danke Dirk Thomas vom Förderverein zur Erhaltung der Rügenschen Kleinbahn e.V. für einige Informationen. 99 4631 fährt aus dem Haltepunkt aus.

 
       
 

Das Empfangsgebäude des Haltepunktes Philippshagen sieht heute grusliger denn je aus, ist aber nicht mehr in Betrieb, die Restaurierung vom Nationalparkamt wurde wohl doch nichts. Die PRESS als aktueller Betreiber der Bahn hat ein hübsches Wartehäuschen daneben gesetzt. 99 1782 fährt am 22.01.2016 ohne Halt an diesem Bedarfshaltepunkt vorbei.

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Das nächste Foto bei meiner Brötchentour am 10.07.1982 ist in Baabe geplant. Da muss man sich sputen. Es bietet sich aber aber an, auf dem Streckenabschnitt vor Baabe noch eine Aufnahme zu machen. Drei Sachen fallen hier auf: Der Fotograf war ziemlich schnell mit seinem Diamant-Fahrrad. Nur ein einziges Auto - ein Skoda - ist unterwegs und das gesamte Gleis liegt noch im typischen Kiesbett. Das Foto im Bahnhof von Baabe habe ich nicht geschafft, da mich das Auto behindert hat :-)

 
       
 

Die Stelle kurz vor Baabe ist auch 1990 wieder zum fotografieren gut, weil sie eben so schön bequem an der Strasse liegt. Klänge und lange Dampffahnen wird man hier vergeblich suchen,...

 
       
 

...denn der Zug kreuzt gleich einige Überwege und Strassen in Baabe und fährt entsprechend langsam.

 
       
 

Hier ist der Bahnhof Baabe erreicht. Dieses Foto entstand auch am 10.07.82, aber ich hatte die ergatterten Urlaubsbrötchen nicht mehr am Fahrradlenker, denn es war bereits um die Mittagszeit, zu der es mich schon wieder an die Strecke zog - das Wetter war aber auch, da musste man einfach noch mal... 99 4633 fährt in Baabe ein und ... 

 
       
 

99 4632 fährt aus Baabe aus. Die Vegetation war Juni-typisch, das Drumherum war reichsbahntypisch. Aufnahme vom Juni 1982. Ein bisschen wie Urwald ...

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99 1782 fährt am 22.01.16 aus Baabe aus. Der Überweg ist "gefliest". Kaum noch Vegetation, das Drumherum ... naja ....

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200 Meter weiter gibt es 1990 wieder schönes Abendlicht. 99 1784 hat im Juli 1990 soeben Baabe verlassen.

 
       
 

Und jetzt das Aldi-Bild. Früher war hier also nichts, wie oben zu sehen. Nur Bahn und Natur. Am 21.01.2016 belebt Aldis Willkommenskultur die Szenerie auf brutale Weise. Ein Kommentar ist überflüssig. Man kann die Stelle etwas weiter unten auch fast ohne Aldi machen ... Allerdings hat sich die PRESS wirklich Mühe gegeben und auf der gesamtem Streckenlänge Telegrafenleitungen neu gezogen. Hut ab !

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Schönes Abendlicht ist im Januar nicht ganz so schön und vor allem ist es nicht lange hell. In den wirklich absolut allerletzten Strahlen der im Foto von Irene Zettl oben zu sehende untergehenden Sonne des 22.01.2016 kommt 99 4801 aus Baabe und nimmt die kleine Steigung nach Sellin.

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Am Abend des 10.07.82 kam mir 99 4631 in Sellin kurz vor dem Bahnübergang mit der Fernverkehrsstrasse in schönem Licht vor die Linse.

 
       
 

Die obige Stelle findet man 34 Jahre später so nicht mehr vor. Der Bahnübergang ist noch da aber die Vegetation ist völlig verändert. Im Hintergrund stehen zahlreiche neue Häuser im Bäderarchitekturstil, deren Bau man 1982 als völlig außerhalb jeder Realität bezeichnet hätte. Freuen wir uns, dass die Rügenlok 99 4633 noch erhalten ist und am 21.01.2016 hier vorbei dampft...

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99 1782 im Juni 1990 kurz vor Sellin

 
       
 

99 1782 im Juni 1990 bei Sellin. Garftitz in Richtung Jagdschloss aus. Der Bahnsteig war noch nicht gefliest...

 
       
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Winterliche Verhältnisse findet man auf Rügen sicher öfter mal vor, aber wenn dann noch blauer Himmel und Reif dazukommt, überall Eiskristalle glitzern und man zufällig auf Fotopirsch ist, dann macht das Spaß. An der Allee von Lanken-Granitz zum Haltepunkt Garftitz stehen diese urigen Bäume, die Irene Zettl festgehalten hat, denn ... 

 
       
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... mir reichte der Baum aus dem Bild darüber am Hp Garftitz, den wollte ich mir mal wieder ansehen. Er ist noch da, aber sonst es dort nichts mehr, wie es war, vor allem liegen jetzt zwei Gleise da... 99 1782 am 22.01.2016 bei der Ausfahrt zum Jagdschloss Granitz.

 
       
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Wenn man schon mal hier ist, lohnt ein Besuch des Jagdschlosses Granitz. Neben sicher Wissenswertem zur Geschichte und langatmiger Jagdromantik ist für Schwindelfreie der Aufstieg im Turm über eine interessante Gusseisentreppe zu empfehlen. 

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Der Aufstieg zum Schloss empfiehlt sich vom Bahnhof Garftitz aus. Der Haltepunkt Jagdschloss ist etwas weiter weg vom Schloss. 

 

 

       
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Kurz vor Serams rollt 99 4633 am 21.01.2016 noch ein paar 100 m aus, hält im gleichnamigen Haltepunkt ... 

 
       
 

... aber nicht an, sondern rauscht mit etwas mehr als Schmierdampf durch den Hp nach Seelvitz.

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Der Bahnübergang bei Serams sieht im Juni 1990 noch "normal" aus. Die Autofahrer wussten auch ohne Schrankenbäume, dass man sich besser nicht mit einem Zug duelliert. 99 1784 passiert den Bahnübergang bei faszinierend  flachem Abendlicht.

 
       
 

300 m nach dem Bahnübergang bei Serams kommt 99 1782 am 22.01.2016 "leichtfüßig" ohne Anstrengung den "Berg" hoch. Und bei dem Licht kann man immer einen Schuss ins Gegenlicht versuchen ...

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Kurz vor Seelvitz nimmt 99 1782 eine Steigung und spielt Anstrengung vor. Für die Neubauloks der Baureihe 99.17 sind die Steigungen auf Rügen keine Herausforderung und mit vier "Klassen" am Haken gleich gar nicht.

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Das Bild sollte eigentlich anders aussehen, wurde aber Opfer eines sogenannten Fotozuges, bzw. der losgelassenen Teilnehmer einer solchen Veranstaltung. 99 1782 am 22.01.2016 in Seelvitz.

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Zufällig erwischt: 99 4633 bei der Einfahrt in Putbus am 21.01.16. 

 
     
   
 
 
  text und fotos, falls nicht anders erwähnt   ©    hans-peter waack falkensee     letzte bearbeitung 01/2016   home